Die letzte Etappe

Von Bamako bis Ouagadougou, 19. – 29. September

Der Niger in Bamako © N. Bertrams

Einer der mächtigsten Ströme Afrikas, der Niger, fließt langsam und behäbig durch Bamako, Malis quirlige Hauptstadt. Wir sitzen an seinem Ufer auf der Terrasse des Hotel Djoliba, einer etwas in die Jahre gekommenen Ferienanlage, genießen bei einbrechender Dunkelheit ein Mahl aus Brochettes und Aloko – kleine Fleischspießchen mit frittierten Kochbananen – und beobachten, wie eines der ungeheuren Regenzeitgewitter über die Stadt heranzieht. Es ist einer unserer letzten gemeinsamen Abende. Hier in Bamako müssen wir uns schweren Herzens von Katharina verabschieden, die sich doch dazu entschlossen hat, ihren Flug nach Hause plangemäß wahrzunehmen. Obwohl wir alles versucht haben, sie noch umzustimmen! Dafür steigt hier in Bamako Andreas von Afrisolar zu, um bei der letzten Etappe mit an Bord der Rosinante zu sein. So brechen wir in Richtung Ouagadougou, der Hauptstadt Burkina Fasos auf. Abschied in Bamako © N. Bertrams

Abends in Sikasso in der Nähe der burkinischen Grenze angelangt, haben wir wieder mal Hunger. An einem einfachen Stand gibt es Hühnchen mit Pommes. Nicht ungewöhnlich, aber wir wundern uns: die Größe der Hühnerbollen ist irgendwie seltsam. Solche Schenkel haben die mageren afrikanischen Tierchen einfach nicht! Wir mutmaßen, dass die kräftigen Stücke aus dem hohen Norden kommen. Europäer konsumieren ja quasi nur noch Brustfilets, die hochsubventionierten Fleischreste überschwemmen hier die Märkte. Und die Kühlkette? Schon der Ausdruck „Kühle“ wirkt hier wie ein Fremdwort, selbst nachts läuft uns der Schweiß, gemischt mit rotem Staub und Mückenmilch. Eine warme Mahlzeit mit Risiken und Nebenwirkungen.

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In Ouagadougou kommen wir an, als die Sonne gerade untergeht. Das klingt romantisch, ist es aber nicht, denn der Verkehr ist in der Dunkelheit noch gemeingefährlicher als bei Tag. Das Hauptverkehrsmittel der Burkinabé ist das Moped, und davon gibt es Tausende auf den Straßen, die sich wild kreuzend einen Weg bahnen. Dazu Fahrräder, dröhnend hupende Lastwagen ohne Bremse, Eselskarren, viele Autos ohne Scheinwerfer, und natürlich Fußgänger. Schockierend viele Unfälle auf unserem Weg ins Zentrum, wir sind alle erleichtert, als wir schließlich heil bei AMPO angekommen sind, einem Waisenhausprojekt, das uns für die Zeit in Ouagadougou beherbergt.

Begrüßung bei AMPO

Ouagadougou ist nicht gerade eine Schönheit. Die „offizielle“ Architektur besteht aus spektakulär grauenhaften Betonphantasien, besonders in „Ouaga 2000“, einem Mammutneubauviertel, in dem sich auch der gigantische neue Präsidentenpalast und eine Art Eiffelturm befinden. Mitten in der Stadt ist aus dubiosen Gründen auch ein enormes kleeblättriges Autobahnkreuz angelegt. Absurd. Nicht zu vergessen, im Zentrum liegt auch der Flughafen. Ein riesiges zerschollenes Transportflugzeug wird gerade ausgeschlachtet. Die Weitläufigkeit der vielen anderen Stadtteile ist verwirrend. Biegt man von den größeren Hauptstraßen in eines der Viertel ein, rumpelt man sofort über löchrige Staubpisten, die allesamt vom Hochwasser Anfang September sehr mitgenommen sind. Alle erzählen von den katastrophalen Verwüstungen, das es angerichtet hat, ganze Stadtviertel sind zerstört, viele Tausende obdachlos. (Auch die Krokodile im Stadtpark sind ausgebüchst.)

Gebäude in Ouaga © N. Bertrams

Wir fühlen uns sofort wohl und willkommen. Die Freundlichkeit der Burkinabé ist sprichwörtlich. Halbe Tage werden damit verbracht, sich ausführlich nach dem gegenseitigen Befinden und dem der Familie zu erkundigen, dabei lernen die Burkina-Neulinge unter uns den typischen Handschlag, der mit einem coolen Schnippen der Mittelfinger und Daumen endet. Dabei wird immer viel und herzlich gelacht, das ist einfach ansteckend. So verbringen wir rund eine Woche in der Hauptstadt, besuchen Solarprojekte in verschiedenen Dörfern des Umlandes, kurieren diverse Malaisen aus, lernen spannende Menschen kennen oder sehen alte Freunde wieder, gehen ins Kino und in die unterschiedlichen Restaurants und Kneipen, und genießen die letzten gemeinsamen Tage unserer Reise. nat Nafore von Microsow © N. Bertrams

Mali ist einfach viel besser…

Von Nioro nach Bamako, 15. bis 17. September

„Und habt ihr eure Autos voller Bier geladen?“ fragt der Beamte an der malischen Grenze und hält sich vor Lachen den Bauch. „Na, jetzt seid ihr hier und könnt ihr endlich wieder Bier trinken. Hier fragen die Polizisten auch nicht nach einem Geschenk. Mali ist einfach viel besser“. Unser Grenzübertritt nach Mali ist der lockerste, den wir bisher hatten.

Mechaniker um den Cruiser in Nioro. © N. Bertrams
Die Zahl der Kinder, die „Donne moi un cadeau“ fordern, hat sich spürbar verringert. Stattdessen lächeln und winken uns Männer, Frauen und Kinder im Vorbeifahren überall zu. Und auch die Männer reichen den Frauen unserer Reisegruppe wieder zur Begrüßung die Hand. In Mauretanien und Marokko wäre das eine grobe Unhöflichkeit gewesen. Hier ist es genau anders herum, was für uns deutlich angenehmer ist. Überhaupt sind wir überwältig von der Freundlichkeit, dem Humor und der Hilfsbereitschaft der Menschen um uns herum.

Kurz hinter der Grenze sammeln wir Basil auf, der uns hilft die Einreiseformalitäten zu erledigen. Und bei der Gelegenheit überhäuft er die einzige von uns, die nicht rechtzeitig einen Ehemann vorschützen konnten, mit Liebesschwüren. Schließlich macht es Spaß und warum nicht versuchen, ein Ticket nach Europa zu ergattern. Doch der Brautpreis ist zu hoch: Ein Flugzeug soll her, anders lässt sich die hartherzige Angebetete nicht erweichen. Doch Basil kann nur Kamele und Pferde beschaffen, also geht die Reise weiter nach Nioro.

Der Cruiser braucht einen Mechaniker, denn die Einspritzpumpe arbeitet nicht mehr richtig und der Wagen qualmt seit einiger Zeit fürchterlich. Der Schrauber und etwa zehn weitere Männer mit undurchsichtigen Funktionen scharen sich um den Motorraum. Mit Hilfe unserer Kopflampe wird das Problem schnell behoben und wir können mit einem genesenem Wagen und einer glücklichen Besitzerin endlich den Abend mit leckerem malischen Fleischeintopf und Pommes auf dem Markt genießen. Katharina

Wer hat Angst vor Mauretanien?

Von Nouadhibou nach Nioro, 9. bis 14. September

Düne rutschen in Mauretanien. © N. Bertrams
„Mauretanien ist ein Land vom überwältigender Schönheit und eine sanfte Einführung in das sub-saharische Afrika“ – lockt uns der Reiseführer. Erfrischend nach all den Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes, die mehr mit der anstehenden Bundestagswahl in Deutschland als den realen Gefahren im Land zu tun haben. Nichtsdestotrotz haben wir diesen Teil der Route besonders sorgfältig geplant. Ausgiebig haben wir uns erkundigt, welche Strecken als sicher gelten und welche Vorsichtmaßnahmen beachtet werden sollten.

Tramper in Mauretanien. © N. Bertrams
Doch schon die Einreise gestaltet sich als deutlich entspannter als angenommen. Durch den „Todesstreifen“, eine holprige und verminte Sandpiste im Niemandsland zwischen Westsahara und Mauretanien, werden wir sicher von einem ortskundigen Schlepper geleitet. Als Gegenleistung kaufen wir ihm zu einem fairen Preis eine Autoversicherung für Mauretanien ab und lassen uns zu einem kleinen Campingplatz in der Küstenstadt Nouadhibou bringen. Genauso wie in der Westsahara scheinen Mercedes und Landcruiser die beliebtesten Fahrzeuge zu sein. Doch Autos konkurrieren hier hart mit kleinen, von Eseln gezogenen Holzkarren, die um jede Ecke schießen. Auf den Ladeflächen treiben Peitsche schwingende Männer mit weißen Turbanen und weiten, flatternden Umhängen die erschöpften Tiere zu immer höherem Tempo an.

Teezeremonie in Mauretanien. © N. Bertrams
Je weiter wir in den Süden des Landes vordringen, desto häufiger begegnen wir schwarzen MauretanierInnen. Angehörige der Peul oder Tukulore, die seit Jahrhunderten von den ehemaligen Kolonialherren sowie den arabischen und berberischen MaurInnen diskriminiert werden. In der Regel werden wir sehr freundlich aufgenommen und mit einer ausgiebigen Teezeremonie begrüßt.

Drei Gläser muss man von dem aufwändig zubereiteten, stark gesüßten grünen Tee trinken – so verlangen es die Höflichkeitsregeln. Anders als in Marokko, wo gesetzlich festgelegt ist, dass der Ramadan eingehalten werden muss, fasten viele mauretanische Gläubige nicht. Eine interessante Entdeckung, denn die islamische Republik im Nordwesten Afrikas scheint viel muslimischer als das Nachbarland Marokko. Und eine große Erleichterung für uns: Endlich können wir wieder in der Öffentlichkeit ohne Sorge essen und trinken.

Rosinante in den Fluten. © N. Bertrams
Andere TouristInnen treffen wir weder in Noudhibou noch in der Hauptstadt Nouakchott. Hier richten wir uns in einer gemütlichen Auberge im Zentrum ein und warten auf die Ankunft von Jenny, unserer sechsten Mitreisenden. Unsere Pläne für den nächsten Tag, Besuch bei der Deutschen Botschaft und diverse Internetaktivitäten, müssen wir abblasen. Es ist Freitag, nach islamischem Kalender also Wochenende, und damit haben alle Behörden geschlossen. Außerdem sind sowohl der Strom als auch das Wasser ausgefallen. So ruhen wir uns ausgiebig im grün bepflanzten Innenhof unserer Bleibe aus und versuchen der feuchten Hitze zu entgehen, indem wir unsere Liegen von einem Baumschatten zum nächsten schleppen.

Zu sechst geht es am nächsten Morgen weiter in Richtung Mali. Überwältigend ist Mauretaniens Landschaft in der Tat: Bis kurz hinter Nouakchott dominieren Wüstenlandschaften das Bild. Statt an flacher Steinwüste fahren wir nun bei 42 Grad an hohen, gelben Sanddünen wie aus dem Bilderbuch vorbei. Je weiter wir in Richtung Osten vordringen, umso fruchtbarer und flacher wird es. Es ist Regenzeit und die sonst trockene sahelische Landschaft leuchtet in frischem Grün. Immer wieder versperren uns Schafe, Esel und Ziegen den Weg. An manchen Stellen überschwemmt der sintflutartige Regen, der immer wieder plötzlich über uns hereinbricht, auch die Teerstraße. Dann bilden sich große Menschenansammlungen und alle warten darauf, dass der Regen schwächer wird oder sich ein Geländewagen traut, die Furten zu durchqueren. Wir gewinnen viele FreundInnen und Bewunderer, indem wir nicht nur mutig als Erste durch die reißenden Bäche fahren, sondern auch noch wartende Frauen und Kinder auf die andere Seite bringen.

Trotz der herrlichen Landschaft und der gastfreundlichen MaurtanierInnen freuen wir uns, als wir uns Montagmorgen endlich bei Timbedgha der Grenze zu Mali nähern. Westafrika ruft uns mit seinen  Baobabs, leckerer Erdnusssoße und der Aussicht auf ein kaltes Bier. Katharina

Durch die westsaharische Wüste

6. bis 9. September

Westsahara. © N. Bertrams
Wer durch die Wüste fährt, sollte genug Wasser und Benzin mitnehmen. Nur in der Westsahara sind prall gefüllte Benzinkanister nicht so wichtig. Denn wenn man sich hier auf eines verlassen kann, dann sind es die Tankstellen auf dem Weg nach Mauretanien. Neben der Teerstraße, den Handy- und Strommasten sowie den Militärkontrollen scheinen sie auf den ersten Blick das einzige Zeichen menschlichen Lebens entlang der 1.000 Kilometer langen Küstenstraße zu sein. Geröll, Stein und Sand, bewachsen mit niedrigen angestaubten Büschen begleiten uns den Großteil der Strecke. Als FahrerIn droht man in Trance zu fallen beim Blick auf die schnurgerade, glattgebügelte Straße und die immer gleiche Landschaft, die sich endlos um uns herum erstreckt. Jede Kurve ist eine Erholung, jeder Hügel eine Wohltat für die müden Augen. Ab und zu wird die Steinwüste von Sanddünen und schroffen Klippen, die zum tobenden Atlantik hinabstürzen, abgewechselt. Dann bleiben wir stehen, genießen die atemberaubende Natur, machen Fotos oder filmen für unsere Dokumentation.

Doch der erste Schein trügt: Schaut man genau hin, sieht man am Straßenrand kleine, sorgsam aufgehäufte Steinhügel oder an Felsen gelehnte Autoreifen, die die Auffahrt zu einer Piste ans Meer markieren. Folgt man den holprigen Wegen, erblickt man in die Dünen geduckte sandfarbene Zelte, kleine Fischerboote und blaue Wassertonnen. Doch an den Zelten begegnen wir keinen Menschen. Leben hier die Saharuis, die BewohnerInnen Westsaharas, die seit dem Abzug der Kolonialmacht Spanien von Marokko beherrscht werden?

Sandwüste in der Westsahara. © N. Bertrams
Von der marokkanischen Grenze bis zur westsaharischen Hauptstadt Laayoune nehmen wir einen alten Mann in einem luftigen weißen Gewand mit. 24 Jahre habe er in der spanischen Armee gedient. Jetzt ist er Rentner und lebt als Ziegenhirte in der Nähe von Laayoune. Von seinem harten Leben berichten auch seine knorrigen, von der Athrose gekrümmten Hände, die er in seinem Schoß knetet, während wir uns unterhalten. Über die Westsara spricht der alte Mann nicht gern. Lieber erzählt er von Mauretanien, wo er geboren wurde – und vor allem von Spanien. „Muy buena gente“ – sehr tolle Leute, wiederholt er immer wieder.

Abends campen wir in der idyllischen Bucht von Dakhla. Der Strand und die kühlen 24 Grad erinnern eher an die windige Nordsee als an unsere Vorstellungen der Wüste. Wir sitzen am feinen weißen Sandstrand und genießen den kitschig-pinken Untergang der Sonne über dem Meer. Morgen kommen wir endlich in Mauretanien an – ein Stück weiter unserem Ziel, Westafrika, entgegen. katharina

Marokkanische Fahrstunde

Deutsches Schild im Hohen Atlas. © N. Bertrams
Stell dir vor, du fährst mit dem Auto durch ein anderes Land und denkst, du hättest die Verkehrsregeln verstanden: Es gibt Ampeln, es gibt Stoppschilder und es gibt blau-weiß gekleidete königliche Polizisten, die jeden Regelverstoß ahnden. Ganz ähnlich wie in Deutschland. Oder doch nicht? Hier ein paar Sonderregeln für das Auto fahren in Marokko:

1. Fahre nicht über * Ampeln

Fahre in Marokko nicht über rote Ampeln. So weit – so klar. Aber was genau ist eine rote Ampel? Muss sie tiefrot sein? Ist auch eine gelbe Ampel eine rote Ampel? Was ist mit grün? Oder grün blinkend? Merke: Wenn du auf eine Ampel zufährst, starre auf das Licht, bis du direkt drunter herfährst. Und wenn sie dann auf gelb umspringt, lege eine Vollbremsung hin. Egal, wer hinter dir ist. Wer dir drauf fährt, ist selber schuld. Denn: Über eine rote oder gelbe Ampel zu fahren kostet 400 Dirham. Und noch etwas: Diskutiere lange mit den Polizisten über die Farbe der Ampel, denn ist er schlecht gelaunt, sieht er auch bei grün rot.

2. Blue Brother is watching you

Westasahara aus dem Cruiser. © N. Bertrams
Generell gilt in Marokko: Die Polizei lauert überall, wo AutofahrerInnen Regeln verletzen könnten. An jedem Kreisverkehr und jeder Ampel stehen mindestens zwei königliche Gesetzeshüter, die dich für jeden Regelübertritt sofort bestrafen. Fühle dich niemals sicher. Denn auch mitten in der Wüste, wo es nichts mehr gibt außer Geröll, Kamele und Strommasten, verstecken sie sich mit Geschwindigkeitsmessern in den Ecken und Kurven. Aus dem nichts tauchen auf einmal Geschwindigkeitsbegrenzungen und tragbare Stopp-Schilder auf. Und wehe dem, der nicht sofort bremst. Oder der an einen gelangweilten, hungrigen oder zornigen Blau-Weißen gerät.

3. Beachte alle Stoppschilder
Rosinantes in der Westasahara. © N. Bertrams
Ein Stoppschild zu überfahren ist eine ernste Sache. Auch wenn die ausländischen  FahrerInnen vom Anblick der gigantischen patriotischen Monumente abgelenkt werden. Dieser Regelverstoß soll uns ebenfalls 400 Dirham kosten. Und die Polizisten sind sehr schlecht gelaunt. Denn es soll eine Quittung geben. Aber den Quittungsblock hat der Polizeichef in der Dienststelle vergessen. Nun muss er wütend auf sein Mofa springen und laut fluchend ins Präsidium fahren, um ihn zu holen.  Mit 80 kmh und dem Block unter dem Arm kommt er nach zehn Minuten zurückgerast. Ohne am Stoppschild zu halten. Sebastian fordert, nun müsse auch der Chef 400 Dirham zahlen. Jetzt ist der Spaß für die Polizisten endgültig vorbei. „Du bist kein Fahrer“ brüllt der Chef. Und der andere schreit: „Erst müsst ihr zahlen, ihr habt zuerst das Stoppschild überfahren:“. Ein LKW rast an uns vorbei. Auch er ist zu beschäftigt, um regelkonform drei Sekunden zu halten. Wir zahlen das Bußgeld, erhalten unsere Quittung – und bleiben stehen. Denn jetzt muss tatsächlich auch der Polizeichef ein paar Scheine abdrücken. Und bekommt eine rosafarbene Bestätigung. Ordnung muss schließlich sein. katharina

Kopfüber ins Gewimmel der Medina

Die Straßen von  Marrakesch, 3. bis 5. September

Aussicht vom Dach über die Medina von Marrakesch. © N. Bertrams
„Attention“ ruft die Mofafahrerin, bevor sie haarscharf an meiner rechten Schulter vorbeisaust. Nur einen Meter später legt sie eine Vollbremsung hin und schrammt am linken Kotflügel eines Citroen entlang. Der Fahrer flucht auf Arabisch, doch die Frau in ihrem bunten Kaftan ist schon im Gewühl der engen Gassen Marrakeschs verschwunden.

In den Straßen Marrakeschs. © N. Bertrams
Nach zweieinhalb ruhigen Tagen in den Bergen sind wir in der quirligen Königsstadt angekommen. Der Lärm ist unglaublich. Es ist sechs Uhr und alles ist in hektischer Bewegung. Menschen auf Mofas, Fahrrädern, Pferdekarren oder in Autos schreien, hupen, rempeln und gestikulieren. Dazwischen versuchen TouristInnen mit gequältem Gesichtsausdruck, sich einen Weg durch das Chaos zu bahnen. Am Straßenrand sitzen HändlerInnen in Jeans oder Kaftan, mit Kopftuch und Capi, die Feigen, Gebäck und kühle Getränke zum Verkauf anbieten. Es riecht nach frisch gebackenem Brot und Abgasen, Pferdeäpfeln und Koriander. Alle fünf Meter zupft ein Kind einen von uns am Ärmel: „Souk? Souk?“ – Nein, wir wollen nicht zum Marktplatz, keine Kleenex kaufen, suchen weder Hotel noch Restaurant

Medina von Marrakesch bei Nacht. © N. Bertrams

Die Straßen winden sich um kleine Häuser und unscheinbare Tore, hinter denen sich prächtige Riads, die ehemaligen Häuser der Oberschicht, verbergen. Auch wir wohnen sind in einem solchen Prachthaus mit kühlen, gekachelten Innenhöfen, duftenden Rosen und einer Dachterrasse mit Blick über die gesamte Altstadt Marrakeschs. Hier hört man nichts vom Trubel und Lärm der Innenstadt.

Essen auf dem Jemaa el Fna. © N. Bertrams

Am zweiten Tag suchen wir uns Träger mit Schubkarren, die unsere Wasserkanister zum Riad und wieder gefüllt zurücktransportieren. Am Auto treffen wir Wada und Mohammed, zwei marokkanische Jungs in Baggy Jeans, Shorts und T-Shirt. Wada, der jüngere der beiden, regelt die Kommunikation mit den TouristInnen. „Espanol?“ fragt er. – „Non, non Alemande. Sprichst Du Spanisch?“ -  „Klar“ Wada grinst – Spanisch, Französisch, Italienisch, Englisch, er spricht alle Sprachen der BesucherInnen. Doch sofort wird er wieder ernst – denn jetzt geht es ums Geschäft. Hartnäckig verhandeln Wada und Mohammed mit Eric über ihren Lohn.

Souk von Marrakesch. © N. Bertrams

Unsere beiden Helfer bewegen sich sicher mit dem unhandlichen Holzkarren und unseren Wasserkanistern durch das Gewühl der Straßen. Hier kennen sie sich aus, sie beherrschen ihren Job. Unterwegs begrüßen sie andere Jungs mit Handschlag oder einem Nicken. Ein kleines Mädchen in rotem Kleid zwinkert Wada zu. Bei der Ankunft im Riad warten sie vor dem Eingang auf die gefüllten Kanister. Ein kühles Getränk lehnen sie ab, schließlich fasten sie noch bis sieben Uhr. Als der Gebetsruf um Punkt sieben durch die Straßen schallt, fangen die beiden an zu rennen. Unterwegs schnappt sich Mohammed die Wasserflasche eines vorbeilaufenden Jungen. Nach einem schnellen Schluck geht es weiter. Am Wagen angekommen, drückt ihnen Eric ihren Lohn und zwei Flaschen frischen Melonensaft in die Hand. Nachdem sie etwas getrunken haben, sind Wada und Mohammed wieder entspannt. Wir plaudern noch eine Weile und teilen einträchtig den Melonensaft, dann geht es zurück zum Riad – und einer kühlen Cola auf der Dachterrasse. katharina

Im Land der BerberInnen

Liebe Daheimgebliebenen,

mehrfach habt ihr jetzt schon gefragt, warum es denn immer so lange dauert, bis ihr Neues von unserer aufregenden Reise lesen könnt. Die Erklärung ist einfach: Mit unserer mobilen Internetverbindung hat es nicht funktioniert und deshalb sind wir auf größere Städte und deren Internetcafés – oder auf das schicke Riad in Marrakesch von wo aus ich gerade schreibe – angewiesen. Danke an euch für all die guten Wünsche. Und jetzt wollen wir auch von euch etwas erfahren: Was machen die Kinder auf dem Land in Marokko eigentlich mit den ganzen Kulis, die sie von den TouristInnen sammeln? Schreibt uns, wenn ihr es wisst oder eure Theorien loswerden wollt!

Durch den mittleren Atlas, 1. bis 3. September

 Cascade de Ouzoute. © N. Bertrams

Der würzige Duft grüner Zedernwälder umfängt uns auf der kaum befahrenen Landstraße in Richtung Marrakesch. Wir sind im mittleren Atlas, fahren durch Sandsteingebirge, kühle Wälder und Olivenhaine. Ab und zu kreuzen Hirten mit ihren Schafherden unseren Weg. Holzhütten und einfache Steinhäuser der Berberfamilien tauchen immer wieder am Wegrand auf. Je weiter wir in Richtung Azilal vordringen, desto bewohnter wird die Gegend. Wenn uns die Kinder erspähen, rennen sie auf unsere Autos zu, winken und rufen „Stilo, Stilo“. Sie wollen Kugelschreiber oder Bonbons, was auch immer wir hergeben wollen. Die Einsamkeit der Wälder haben wir längst hinter uns gelassen, als wir bei Sonnenuntergang endlich eine flache Ebene für die Übernachtung gefunden haben.

 Kinder umringen den Cruiser. © N. Bertrams

Sofort sind wir von Kindern umringt, die unsere Autos und uns begutachten. Ein sympathischer junger Mann in Shorts, T-Shirt und Adidas-Schuhen kommt auf unseren Parkplatz und ruft die übermütigen Kinder zur Ordnung. Freundlich bietet er uns an, in seinem Hof zu parken und lädt uns zum Essen ein.
Eigentlich sind wir müde und hatten uns auf ein Bier, Brot mit Datteln und Oliven und vor allem etwas Erholung gefreut. Doch das Angebot ist zu verlockend.

 Mohammed und seine Frau. © N. Bertrams

Wir folgen Mohammed in sein Haus, zwei kleinen Gebäude aus Beton, die um einen hell erleuchteten Hof gebaut sind. Er führt uns in den Wohn- und Schlafraum, dessen eine Hälfte vollständig mit Teppichen und Fellen ausgelegt ist. Wir setzen uns im Schneidersitz hin und schauen uns um. Uns gegenüber steht ein zwei Meter hoher strahlend weißer Kühlschrank auf dem ein gerahmtes Bild von Mohammeds Frau und ihren Eltern steht. Mohammed fragt, ob wir Musik mögen und schaltet den Fernseher an. Sorgfältig dreht er den Schirm, so dass wir alle genug von den Musikvideoclips sehen können, die er einlegt. „Comment s’apelle la musique?“ fragen wir. Mohammed schaut ratlos. Wir deuten auf den Fernseher und fragen „Musique marocaine?“ Der junge Berber lächelt und nickt „Oui, musique marocaine“. Schweigend beobachten wir eine Zeitlang die sich wiegenden TänzerInnen und genießen unseren Minztee. Die Verständigung ist schwierig, da wir weder berberisch noch arabisch sprechen.

 Mohammed bei Tee einschütten © N. Bertrams

Hin und wieder holt Mohammeds Frau, eine schlanke junge Frau mit freundlichem Lächeln, Gemüse aus dem Kühlschrank. Die Frauen der Familie sitzen mit ein paar Nachbarinnen und einem Nachbarn in der Küche, im Nebenraum. Nathalie, Lena und ich freuen uns über die Abwechslung und gesellen uns zu den Berberfrauen. Alle tragen Hosen oder Leggins, lange T-Shirts und einen Wickelrock. Um den Kopf haben sie lose weiße und schwarze Tücher geschlungen. Wir lächeln uns an und verständigen uns mit französischen Wortbrocken, Händen und Füßen.

 Zu Besuch bei Mohammed. © N. Bertrams

Als die Tajine zubereitet ist, gehen wir wieder in den Nachbarraum und hocken uns auf die Teppiche um einen kleinen Tisch herum. Der Gastgeber geht mit einer Schüssel herum und gießt uns Wasser über die Hände. Wir essen alle aus einem Tontopf. Statt Messer und Gabel tunken wir mit der rechten Hand Brot-Stücke in die köstlich duftende Hühnchen-Gemüse-Tajine. Eine Herausforderung für uns ungeübte EuropäerInnen. Doch die zweite Hand zur Hilfe zu nehmen ist ein Tabu: In muslimischen Ländern verwenden viele Menschen kein Toilettenpapier sondern die linke Hand um sich abzuwischen.

Beim Essen unterhalten wir uns über europäischen Fußball. Ein Gespräch, das sich wegen der Sprachbarrieren auf das Aufzählen unserer Lieblingsclubs und die Kickerstars maghrebinischer Herkunft beschränkt. „Zinedine Zidane“ „Ah Oui, Zidane“ – „Barca“ „Non, Madrid“. Nach einem Nachtisch aus frischen saftigen Melonen verabschieden wir uns müde und satt und verschwinden nach einem langen Tag zu unseren Schlafstellen. katharina

In der Königsstadt Fès

Von Rabat nach Fès, 31. August bis 1. September

 Eingangstor zur Medina in Fès. © N. Bertrams

Unseren freien Sonntag verbringen wir als Gäste von Dieter Uh in seinem Haus direkt am Meer. Der Tag vergeht wie im Flug mit bloggen, Fotobearbeitung, einem langen Interview und dem Kampf mit der Internetverbindung, die ständig abstürzt. Zwischendurch kühlen wir uns im Atlantik ab und löchern Dieter mit Fragen über Marokko, die er uns unermüdlich und geduldig beantwort. Die Sehnsucht nach Fahrtwind und unser straffer Zeitplan treiben uns Montag früh auf den Weg nach Fès.

In der brütenden Nachmittagshitze erreichen wir das einstige Zentrum des westlichen Islams. Eigentlich gehört Fès mit seiner Vielzahl an Baudenkmälern und Kunstschätzen zu den wichtigsten touristischen Attraktionen des Landes. Doch Ramadan und Hochsommer halten die meisten BesucherInnen von der ältesten Königsstadt Marokkos fern. Nur eine kleine Anzahl Unermüdlicher schleppt sich durch die mittelalterliche Medina.

 Händler in Fès. © N. Bertrams

Wir sind sofort gefangen vom Charme der verwinkelten engen Gässchen, die uns auf und ab durch die Altstadt führen. Vor sandfarbenen Häusern preisen alte und junge Händler in Jeans und T-Shirt ihre Waren an. “Welcome” und “Bienvenue” schallt es uns immer wieder entgegen. Hier gibt es alles zu kaufen, was das Herz begehrt: Von Zahnpasta, Taschen und Handys bis hin zu gackernden Hühnern, saftigen Datteln und Tongefäßen. Bleiben wir stehen, werden wir sofort von Führern umringt, die uns in ein Restaurant ziehen oder zu den Gerbern geleiten wollen. Männer mit schwer bepackten Mauleseln bahnen sich mühsam den Weg zwischen Schaulustigen, Händlern und Touri-Schleppern durch. Hier haben trotz Ramadan auch die Teehäuser geöffnet – jedoch nur für die AusländerInnen. Marokkaner sitzen hier während der Fastenzeit nicht und Marokkanerinnen sieht man sowieso nie auf den Terrassen bei einem Tee sitzen.

 Straßenkünstler in Fès. © N. Bertrams

Das Internet-Café neben unserem Hostel wird hingegen auch tagsüber von zahlreichen Marokkanern besucht. Hier lernen wir Nabil kennen, einen jungen, sportlich gekleideten marokkanischen Germanisten, der hier in der Medina lebt. Nabil freut sich über die Gelegenheit, seine Sprachkenntnisse anzuwenden. “Ich möchte gern nach Deutschland gehen”, sagt er in fast fließendem Deutsch. “Hier in Fès kann man kaum etwas anderes machen, als Touristen herumzuführen“. Aber um in sein Traumland zu immigrieren, bräuchte er viel Geld – oder er müsste eine Deutsche heiraten. “Wozu soll ich denn auswandern, wenn ich hier viel Geld und gute Arbeit hätte?” fragt er mich.

 Gerber in Fès. © N. Bertrams

Um kurz vor sieben wird es lebhaft auf den Straßen vor den Toren der Medina. Auch hier öffnen jetzt die Teehäuser. Männer strömen von allen Seiten herbei und setzen sich an die kleinen runden Tische. Tüten werden ausgepackt, Brotfladen und kühle Wasserflaschen auf die Tische gestellt. Dann wird gewartet. Um Punkt sieben ertönt ein Kanonenschlag – das Fasten ist gebrochen. Die Menschen auf den Straßen und in den Cafés schrauben Flaschen auf und trinken sie gierig in einem Zug leer. Brotstücke werden abgebrochen und in die dicke Harira getaucht. Von allen Seiten erschallt nun der Ruf des Muezzins und ruft die Gläubigen zum Gebet. Wir warten noch eine halbe Stunde und machen uns dann selber auf den Weg ins Restaurant. Auch die Kellner und Köche haben schließlich den ganzen Tag gefastet und freuen sich auf etwas zu Essen und zu Trinken, bevor sie wieder die Gäste bedienen. Gemeinsam wird anschließend Champions-League geschaut. Barcelona gewinnt 3:0 – und alle freuen sich – egal ob aus Marokko, Katalonien oder Deutschland.

 Verkauf von Hühnern in der Medina in Fès. © N. Bertrams

Unser Abend endet mit Minztee und Kaffee im Teehaus neben unserem Hostel. Dann fallen wir müde und stadtsatt in unsere schmalen Betten. katharina

Landstraßengeschichten und zu Gast bei Dieter Uh

Von Tanger nach Rabat, 29. bis 31. August

 Strand in Rabat © Bertrams

Der Samstagmorgen beginnt gemütlich mit Kaffee, Baguette und Zeitunglesen im Schatten der Pinienbäume. Heute haben wir nur eine kurze Strecke von 250 Kilometern vor uns – und die wollen wir genießen. Statt der Autobahn wählen wir die Landstraße, laut Reiseführer eine wunderschöne Strecke am Meer entlang und durch die Berge. Das Wasser glitzert in der frühen Morgensonne. Am Straßenrand reihen sich kleine strohgedeckte Büdchen mit aufgetürmten Honigmelonen aneinander. Berberinnen mit bunt verzierten gelben Strohhüten sitzen unter den Bäumen und verkaufen Früchte und Gemüse. Auch heute beginnt der Morgen träge. Wer nicht arbeiten muss, sucht den Schatten der Bäume und erholt sich von einer langen Nacht.

 Melonenverkäufer auf der Straße nach Rabat © Bertrams

Nur der Straßenverkehr folgt seinen eigenen Regeln. Kreuz und quer wechseln die Autos von einer Spur auf die andere. Blinken links und biegen rechts ab. Manche schleichen mit 40 Stundenkilometern den Weg entlang, andere hupen und kreuzen viel zu dicht an uns vorbei. Hinter Larache fahren wir in die Berge. Das üppige Grün der Küste weicht einer karg bewachsenen Hügellandschaft. Der Weg ist wenig abwechslungsreich und zieht sich immer mehr in die Länge. Wir haben Hunger, doch vor den Augen der Fastenden wollen wir nicht essen. Leider finden wir entlang der Landstraße nirgends ein menschenleeres Plätzchen für eine Pause und fahren einfach weiter.

 Zu Besuch bei Dieter Uh in Rabat. © Bertrams

So erreichen wir erschöpft gegen Abend Rabat. Müde schlängeln wir uns durch die Straßen der marokkanischen Hauptstadt. Eine rote Ampel wird übersehen und die Rosinante direkt von einem in zivil gekleideten Marokkaner an den Straßenrand gewunken. Wir ignorieren ihn und fahren einfach weiter. Doch ohne Erfolg. Der Mann folgt uns in seinem Lieferwagen und schließlich halten wir doch. „Warum fahrt ihr über rote Ampeln? Kennt ihr die Polizei nicht?“ fragt er Sebastian. Als er erfährt, dass wir uns verfahren haben, weist er uns an, ihm zu folgen. Kreuz und quer folgen wir ihm durch das Straßengewirr – und überfahren dabei drei weitere rote Ampeln. Am Stadtrand vor der Präfektur zeigt er uns die Straße, die uns direkt zum Ziel führt und verabschiedet sich lachend.

Am Wegrand vor einem kleinen Kiosk sehen wir einen Mann mit weißem T-Shirt und Shorts. Endlich haben wir unser Ziel erreicht. Dieter Uh, Projektleiter der GTZ in Rabat, fährt mit uns die letzten Meter zu seinem Haus. Bei einem lang ersehnten Abendbrot erzählen wir bis tief in die Nacht von unserer Reise Und wir erfahren viel über Marokko, seine Energiepolitik und die Versuche der EU-Länder, ihren Energie-Bedarf nachhaltig durch Sonnenergie aus der Sahara zu decken. katharina

Grenzerfahrung und Ramadan

Von der marokkanischen Grenze nach Rabat, 29. bis 30. August

Melonenverkäufer auf der Straße nach Rabat © Bertrams

Das Surferparadies Tarifa ist der letzte Ort, den wir von Spanien sehen. Endlich verlassen wir den europäischen Kontinent und landen nach einer kurzen windigen Schifffahrt in der Hafenstadt Tanger. Die Ausfahrt des Hafens schon vor Augen werden wir in letzter Minute von wild gestikulierenden Grenzbeamten gestoppt. Die Einreiseformalitäten müssen noch erledigt werden. Ein freundlich wirkender Marokkaner nimmt unseren FahrerInnen die Ausweise ab und verschwindet. Wir warten. Nichts passiert. Nach zehn Minuten machen sich Sebastian und Nathalie auf die Suche nach ihren Papieren. Der Mann entpuppt sich als Schreiber. Er verdient sein Geld damit, für Einreisende die Grenzformulare auszufüllen. Eine wichtige Arbeit in einem Land mit mindestens 55 Prozent AnalphabetInnen. Auch wenn wir die Bögen natürlich selbst ausfüllen könnten. Für einen Euro erhalten wir nach kurzer Diskussion die Ausweise zurück. Nun müssen wir nur noch registriert werden und dann geht es endlich weiter.

 Straße nach Rabat © Bertrams

Das sonst so quirlige Tanger zeigt sich träge. Es ist Ramadan, wenige Stunden vor Sonnenuntergang. Von der Hitze und dem Fasten erschöpft sitzen Männer, Frauen und Kinder im Schatten. Sie warten auf Ftour, das Fastenbrechen bei Sonnenuntergang. Restaurants und Salons du Thé sind geschlossen. Lediglich an den Straßenständen bilden sich kleine Menschentrauben. Sie kaufen Brot und Früchte für die Abendmahlzeit. Wir durchqueren zügig die Palmen gesäumten Straßen, vorbei an strahlend weißen Häusern, Moscheen und den üppig grünen Gärten des Botschaftsviertels.  Auch wir wollen vor Sonnenuntergang unseren Campingplatz südlich von Tanger erreichen.

Rabat © Philipps

Bei unserer Ankunft beginnen die Marokkaner gerade ihre Mahlzeit mit der Harira, einer dicken nahrhaften Gemüsesuppe. Auch wir wollen etwas essen gehen, bemerken jedoch schnell, dass während der Ftour fast alle Restaurants geschlossen sind. Nach einigem Suchen finden wir schließlich ein kleines Lokal am Ende eines Labyrinths ineinander verschachtelter Treppen direkt an der Küste. Unter uns tobt die Brandung des Atlantiks, doch wir sitzen trocken an einem kleinen Tisch und genießen einen starken süßen Minztee. Der Kellner bringt uns köstlichen Tajine, einen im Tongefäß zubereiten Eintopf mit Kartoffeln, Gemüse und Fisch und kleine Hackbällchen mit Oliven. Statt französisch spricht er ein melodisches Spanisch mit der sanften Einfärbung der Kanaren – die Sprache der ehemaligen Kolonialmacht Spanien, die bis 1962 den Norden Marokkos beherrschte.

Müde und satt fallen wir auf unsere Isomatten. Von dem Gemurmel und Gelächter der marokkanischen Campingplatzbesitzer eingelullt, die noch bis früh in den Morgen beisammen sitzen, gleiten wir langsam in süße Träume. katharina